Tai Chi und ich


Was das Tauziehen mit dem Tai Chi Üben zu tun hat
April 3, 2013, 4:26 pm
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Tauziehen S. Hofschlaeger_pixelio.deIch schaute zwei Mädchen zu, die Tauziehen mit einem Seil übten. Zuerst versuchten sie es mit Kraft und entweder die eine oder die andere siegte und zog die jeweils andere über die Grenze. Hin und wieder erhielten sie Unterstützung durch andere Kinder, die verloren aber irgendwann die Lust daran und schauten zu. Irgendwann veränderten sie ihr Spiel. Sie hielten das Seil locker, zählten bis drei und spannten das Seil, um die andere wegzuziehen. Die eine der beiden entwickelte durch Zufall, so sah es jedenfalls aus, eine neue Technik: Sie setzte mit der Zahl drei ihre Hüften, stand fußbreit, sank also in eine Art Sitzhaltung, streckte den Oberkörper in einer Linie nach vorne und hielt das Seil nur fest, zog also nicht mit aller Kraft daran. Ihre Arme bildeten im Ellbogen einen rechten Winkel. Sie verwurzelte sich einfach und baute eine Struktur auf. Tai Chi eben.

Der Effekt war verblüffend. Das andere Mädchen am anderen Ende zog und fiel sofort hin. „Hey, was machst du?“, schrie sie völlig überrascht. Das andere Mädchen schien genauso überrascht. „Los, noch Mal!“ Sie wiederholten das Ganze, es geschah das gleiche wieder. Ich konnte beobachten, dass das Mädchen seine Haltung noch verfeinerte und probierte, wie es sich anfühlen musste. Nun halfen die anderen Kinder mit. Das eine Mädchen blieb allein, am anderen Ende waren sie nun  zu dritt. Wirklich, sie schafften es auch zu dritt nicht, das eine Mädchen wegzubringen. Sie wiederholten das Spiel zu zweit immer wieder. Irgendwann fragte dann die eine: „Wie machst du das bloß?“ Sie versuchte es zu erklären und zeigte, was sie meinte. Beide trainierten eifrig und tatsächlich schaffte die andere es, die gleiche Haltung einzunehmen. „Cool“, schrie sie. Nur, dass es nun keine Siegerin mehr gab, denn das Seil war gespannt, aber keine zog die andere weg. Das wurde ihnen irgendwann zu langweilig.

Ich saß da und staunte. Tai Chi ist so einfach! Ich dachte über die Notwendigkeit der Übung im Tai Chi nach. Übung muss sein, das weiß jeder. Oft fehlt es an der Lust, manchmal will ich es einfach, es fehlt sonst etwas. Aber in diesem Fall der Mädchen hat das keine vorgehabt, es hat sich einfach so ergeben und beide waren hoch motiviert, es einfach zu tun und es hatte einen wunderbaren Effekt. Beide werden es sicher wiederholen oder bei ähnlichen Gelegenheiten einsetzen.

Also, warum übe ich dann im Tai Chi. Besser: Was übe ich eigentlich im Tai Chi?

 Fußballer trainieren, Musiker trainieren. Kraft, Ausdauer ist das eine, was ein Fußballer braucht, aber auch Geschick, Ideen, Zusammenspiel, einen guten Blick. Ein Musiker muss sein Instrument genau kennen, muss seine Noten lesen und auf das Instrument übertragen können. Das lernt man nur durch Erfahrung. Diese wiederum bringt das Training, also das Üben. Nur wenn ich übe, bekomme ich Erfahrung. Je mehr Erfahrung ich habe, desto mehr kann ich mich auf neue oder auch altbekannte Situationen einstellen. Das kann eigentlich jeder schaffen, wenn er denn übt. Aber richtig gut wird ein Fußballer erst, wenn er eins wird mit dem Ball, wenn er vorher ahnt, was kommen wird. Erst wenn ein Musiker sein Inneres in die Musik legt, er also nicht nur die Technik versteht, sondern sein Wesen hineinlegt, erst dann wird es richtig gut. Das weiß auch jeder.

Dann stimmen doch diese Sprüche:

„Übung macht den Meister“,

„Ohne Fleiß kein Preis“

„Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen“

„Früh übt sich, wer ein Meister werden will“

 Der hier von Leonardo da Vinci gefällt mir am besten:

So wie das Eisen außer Gebrauch rostet und das still stehende Wasser verdirbt oder bei Kälte gefriert, so verkommt der Geist ohne Übung.

 Das ist es! Wer will schon Meister werden? Ich muss mich nicht am Perfektionismus messen, denn dann wird es schnell verbissen. Ich will kein Fußballprofi oder kleiner Mozart sein. Jemandem nacheifern, es auch können wollen, so wie es das eine Mädchen wollte, dass sollte der Motor sein. Den eigenen Geist in Bewegung halten. Übung soll kein Zwang sein. Fehlt die Beteiligung, der Spaß, der Ehrgeiz, was auch immer, dann kann man sich das Üben sparen, denn der Effekt wird gleich null sein. Ein Fußballer oder ein Musiker braucht seine Spielfreude. Genauso unwirksam ist es beim Übertreiben, denn Verbissenheit im Tai Chi macht blind für das Wesentliche. Entspannung und Verbissenheit – das ist ein Widerspruch.

Erst wenn ich Erfahrung habe, dann kann ich Verständnis entwickeln und es tut sich ein neues Universum auf. Im Tai Chi stehen äußere Form und innere Form in einer wechselseitigen innigen Beziehung. Jeder Übende kennt es, dass er manchmal wunderbar üben kann, alles passt, alles gelingt. Dann wieder scheint es so, als könnten wir nicht loslassen, als hätten wir noch nie geübt. Irgendetwas in der Harmonie ist gestört. Je mehr Erfahrung und Verständnis ich habe, desto eher gelingt es zu erkennen, wo das Problem liegt. Häufig liegt es daran, dass ich zu wenig bei der Sache bin. Oder dass ich etwas neues entdeckt habe und mir nun vieles falsch vorkommt. Ich lerne meine Grenzen kennen und kann sie wieder überwinden, bis sich eine neue Grenze auftut. So verfeinert sich mein Tai Chi zunehmend. Und so beißt sich die Maus in den Schwanz. So spannt sich das Seil.

 Und: Wer viel übt, ist auch „besser“?

Jain! Typische chinesische Antwort! Nur nicht festlegen! Mein Lehrer sagt dazu, dass sein Lehrer immer sagt, dass es nichts bringt, stundenlang das Falsche zu üben. Falsch heißt: Ohne die Tai Chi Prinzipien. Wenn also einer nur eine Minute trainiert, aber die Tai Chi Prinzipien dabei beachtet, hat er mehr geübt. Also für Fußballer heißt das, nicht ein sinnloses Draufgeballer auf das Tor ist effektiv, oder für Musiker heißt es: Nicht das emotionslose Gedudel der Noten reicht aus. Wer schon mal Anfängern beim Blockflöte spielen zugehört hat, weiß, was ich meine. Aber auch da müssen wir durch, wie soll er es denn sonst lernen?

Eine Mitschülerin hat darauf gemeint, dass es dann ja gut sei, dass sie nie alleine übt, sondern nur beim Training, wenn der Lehrer dabei ist. Schlaue Antwort, um nicht üben zu müssen. Aber ich zitiere erneut Leonardo: …so verkommt der Geist ohne Übung!

Meine Mädchen jedenfalls haben einen lebendigen Geist!

Und ich werde auch jetzt gleich wieder was für meinen Geist tun. Was ist mit dir?

Bild: ©  S. Hofschlaeger/www. pixelio.de



Für meine kleine Schwester
March 23, 2013, 5:49 pm
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Baum by_Uwe Schlick_pixelio.deDieser Eintrag ist sehr persönlich geworden und ich habe lange überlegt, ob ich ihn wirklich veröffentlichen soll. Ich habe mich dafür entschieden.

Meine kleine Schwester ist tot, meine acht Jahre jüngere Schwester ist tot. So teilte es mir mein Mann telefonisch mit. Auch er hatte es gerade von meiner Mutter erfahren und meine Mutter sah sich nicht in der Lage, es mir selbst zu sagen. Auch das habe ich erst später registriert.

Es war ein Dienstag und ich hatte gerade Mittagspause. Ich war zunächst sprachlos. Ein Autounfall, ein Baum und meine Schwester nicht angeschnallt. Ich sah den Unfall vor mir. Sah, wie es passierte, sah, dass sie sich vorher abschnallte, sah, wie sie es mit Absicht tat! Ich sah ihre Gedanken, ich verstand, dass sie wieder diese unerträglichen Schmerzen hatte, wie sie über die Warnung der Ärzte nachdachte, dass ihre Halswirbel sehr gefährdet seien und sie unbedingt ruckartige Bewegungen vermeiden müsse. Ich verstand, dass sie kurz darüber nachdachte, dass alles vorbei sei, wenn sie einen dieser Bäume in der Allee, in der sie entlang fuhr, berühren würde. Nur keinen Unfall  mit Unbeteiligten, schwor sie sich. Ich sah, wie sie kurz darüber nachdachte, dass ihre Kinder alt genug sind, ohne sie zu recht zu kommen, ihr Mann würde sich kümmern. Das wusste sie. Ich sah, wie sie sich abschnallte, die Augen schloss und sich entspannte.

Diese Hundertstelsekunden nachdem sich die Nachricht aus dem Hörer in mein Ohr, in mein Gehirn bohrte, waren so klar und deutlich, dass ich ruhig wurde, ganz merkwürdig ruhig und klar. Sie tat mir unendlich leid. Ich weinte und trotzdem war ich ruhig. Meine Kolleginnen waren sehr fürsorglich, kümmerten sich um Ersatz für mich, fragten, ob sie mich nach Hause bringen sollten. Ich sah uns zu, ich war zugleich ich selbst und auch nicht. Ich schaute mir zu und organisierte mich. Entspannung. Ruhe. Mitleid. Nichts anderes spürte ich.

 Mitleid mit ihr, meiner Schwester, die fünf Jahre zuvor den Kontakt zu mir abgebrochen hatte. Vorher war sie meine kleine, intelligente, lebensfrohe Schwester, die durch einen Unfall von heute auf morgen nicht mehr richtig laufen konnte. Meine kleine Schwester, mit der ich zunächst intensiven Kontakt hatte, die heiratete und zwei Kinder bekam, trotz ihrer Behinderung. Die von ihren Träumen erzählte, die ihre Schwierigkeiten überwinden wollte, die sich die Welt trotzdem untertan machen wollte! Die sich zunehmend unverstanden fühlte von der Welt, die sich vormachte, dass sie irgendwann wieder laufen könne, dass alles wieder gut sein würde. Die ihre Träume begraben musste, weil klar wurde, dass sie nicht wieder so leben könnte, wie sie es sich erhofft hatte. Ein Kindertraum ging zu Ende. Welche Enttäuschung, den zunehmenden Abbau erleben zu müssen, Alkohol wurde ein Trost. Alkohol trennte sie von mir. Sie wollte nicht hören, dass sie Hilfe brauchte, sich welche holen sollte. Sie trennte sich von mir, radikal, wie sie war. Sie verbot mir, mich in ihr Leben zu mischen.

Sie machte sich wieder etwas vor. Jetzt sei alles gut, sickerte in der Familie durch. Der Alkohol sei besiegt.

Nichts war gut! Zunehmende Probleme mit Rücken, Rückenmark, drohendem endgültigen Querschnitt und diese rasenden Schmerzen mit Krampfanfällen, Krankenhausaufenthalten, Tabletten,…Behandlungen, Hoffnungen, Schmerzen,.. Ein Kreislauf des Leids.

Ich versuchte Kontakt zu ihr aufzunehmen, wollte neu anfangen und alles vergessen. Sie zog es vor an den Dingen festzuhalten, die uns trennten, sie war nicht bereit, loszulassen, von dem, was uns trennte. Sie hielt am Leid fest! Letztlich war das ihr Ende. Festhalten am Leid! Sie wollte keinen Kontakt. Sie sei glücklich, so wie es ist. Welch ein Leid!

 Wachsen und sinken, konzentriert sein auf das, was ich tue, umgehen mit dem, was ist. Nein: AKZEPTIEREN was ist. Loslassen in seiner radikalsten Form! Yin und Yang, radikal. Spüren und beobachten.

Zwei Tage später war Tai Chi Training und ich wusste, dass ich hinmusste. Es war fast so, als wäre mein Akku leer und ich müsse mich nun aufladen. Ich ließ mich fallen, ließ mich darauf ein und spürte viel Kraft, und spürte wieder diese Ruhe und Klarheit. Sie war tot. Es war ihre Entscheidung. War sie falsch? Egal. Es war ihre. Ich übte für mich und trennte mich von ihr. Der Akku war wieder voller, nicht ganz voll, aber so, dass ich die Beerdigung gut überstehen würde. Die Partnerübungen waren mir an dem Abend völlig egal, aber das Wachsen und Sinken waren einfach genial.

Wir hatten keine so einfache Kindheit, ein weiterer Grund, warum sich meine Schwester auch von unseren Eltern trennte. Meine kleine Familie und ich entschieden uns, dass wir meinen schwer depressiven, unerträglichen, peinlichen Vater und meine schwierige Mutter die 700 km Entfernung im Auto zur Beerdigung mitnehmen würden. Das war mein Geschenk für meine kleine Schwester. Ich glaube nur sie könnte verstehen, was das für mich bedeutete. Ich werde das nie wieder tun! Tai Chi sei Dank habe ich es geschafft!

Ich habe noch nie vorher so intensiv den Ernstfall Tai Chi trainiert. Entspannen, sinken, loslassen der Kraft. Ich hatte viele Übungspartner und auch Gegner. Meine andere Schwester, die ähnlich wie unser Vater völlig unfähig ist, soziale Situationen zu verstehen und sich angemessen zu verhalten. Entspannen, sinken, Kraft loslassen. Die Beerdigung, die mir vor Augen führte, dass alles ein Fakt ist. Der Pfarrer, der seine Sache eigentlich gut machte und darauf hinwies, dass keiner weiß, ob es Absicht war, es könnte ja auch ein Krampfanfall,…aber es sei ja auch egal, wir müssten mit den Fakten leben. Ob der Tai Chi kann? Entspannen, sinken, entspannen, loslassen. Die Nachbarn, die mich neugierig anstarrten: Ach, die ist das, die so gemein zu ihrer kleinen Schwester war. Sinken,….

Und zuletzt das allerschlimmste: So hat sie gelebt? Meine Schwester, die so viel vorhatte im Leben? Die das Leben genießen wollte? In dieser spießigen Einfamilienhausidylle, die ihr vorgeschrieben hat, wie sie zu leben hat, was sie zu denken hat? Mit diesen Nachbarn, die sich in dem Bewusstsein suhlten, einer Behinderten das Leben zu erleichtern? Mit festgelegten Ritualen, wer wann wem einen Kuchen zu backen hatte, welcher Kranz zu welchem Fest wo zu hängen hatte? Das entsetzte mich. Entspannen, sinken,… Mein Schwager, der es immer wiederholte, dass es keine Absicht war, meine Schwester war glücklich! Sinken, entspannen,…

Ich habe es geschafft durchzuhalten, ohne zu schreien, ohne mich mit anderen anzulegen, ohne Diskussionen.

Es war nicht ganz einfach. Aber: Sinken und Entspannen ist wirklich alles was man braucht. Selbst in dieser unglaublichen Situation. Deswegen schreibe ich das hier. Mein Lehrer hat wieder mal Recht! Die Form ist nur dazu da, es in allen Lebenslagen anzuwenden. Selbst in den unmöglichsten, die man sich vorstellen kann (auf einem Bein, …). Je mehr Übung möglich war, je mehr diese Grundübung in Fleisch und Blut über gegangen ist, desto mehr wende ich sie einfach an und merke es erst später. Das ist die eine Seite.

Die andere Seite aber ist, dass ich beim Entspannen und Sinken einfach beobachten kann, was mit mir und anderen passiert: Ich kann mich abgrenzen und diese Grenze auch deutlich machen.

Ich kann eine Verbindung herstellen, beobachten und verstehen, Mitleid empfinden oder eben nicht. Ich kann Dinge sehen oder spüren, die andere nicht sehen. Ich kann Dank dieser Verbindung entscheiden, wie es weiter geht.

Für meine kleine Schwester: Es wird noch eine Weile dauern, dass ich von dir reden kann, ohne dass Tränen fließen. Aber ich habe verstanden, ich fühle mit dir und respektiere, was du getan hast. Es war ein leidvoller Weg, den du gewählt hast. Im nächsten Leben lernst du hoffentlich Tai Chi! Vielleicht lernen wir uns dabei kennen.

Bild: ©  Uwe Schlick/www. pixelio.de

 



Wütendes Tai Chi- oder wie ich meine Entschlossenheit entdeckte
January 11, 2013, 8:41 pm
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Geschäfstfrau ist wütendRuhe, endlich Ruhe. Sanfte Bewegungen, Kopfkino findet nicht statt, tatsächlich ist alles ruhig, ich weiß, was ich tue, spüre in die Füße, spüre gleichzeitig alles andere, beobachte alles andere, höre mich, sehe mich von außen, lasse los und bin gleichzeitig überall. Ein Fluss entsteht. Alles wird nebensächlich, ich bin froh, nur für mich üben zu können. Kein anderer ist von mir abhängig, will was von mir oder bittet mich um irgendwas!

Wie? Vorbei! Schon? Mein Lehrer leitete eine neue Übung ein. Ich war fast ärgerlich, warum jetzt schon? Und dann auch noch Partnerübungen. Meine Ruhe war dahin, ich war nicht bei mir, meine Harmonie war weg, fixierte mich auf den anderen, spürte seine Wurzel, wollte sie brechen, aber….nix! Ach ja, man darf nicht wollen… War ja klar, dass das, was sinnvoll schien, wieder mal nicht gemacht werden sollte. Welcher Chinese hat sich da stundenlang hingehockt und darüber nachgedacht, was normale Menschen eben einfach wollen und hat sich dazu überlegt was möglichst völlig anders ist. Wahrscheinlich hat er sich darüber königlich amüsiert, bei der Vorstellung, wie wichtig alle Schüler seine blödsinnigen Vorschläge nehmen werden. Grrrr.

Ich trainierte schon so viele Jahre und stand bei diesen Übungen wieder am Anfang. Nichts gelang mir, ich war unzufrieden, nein ich war nicht nur unzufrieden, ich war wütend auf mich, auf Tai Chi, auf die ganze Welt.

 Das liegt an Tai Chi, eindeutig, denn wenn ich allein übe, klappt es doch auch! Da musste ein Fehler in der Philosophie sein, ha, ich lasse mich von diesem Chinesen doch nicht verar…, dem historischen Chinesen von damals, als er da saß und überlegte. Ich sinke, ich entspanne, ich lasse los, was soll ich denn noch machen? Und trotzdem spürte meine Partnerin nichts. Wie im Alltag: Ich ließ los, ich ließ andere in Ruhe, ich ließ Angriffe vorbei, ich überhörte Anspielungen, ignorierte Verletzungsversuche meiner nächsten Verwandten und fand, dass ich doch sehr gut mit der Tai Chi Philosophie umging! Klasse, funktionierte aber nicht wirklich immer, denn manche wollten mehr, sie zerrten und hielten, sie lehnten und klammerten, sie wollten zerstören, zertrampeln, niedermachen, sie wollten gewinnen! Ich wollte doch nur meine Ruhe! Tai Chi hat keine Ahnung!

Okay, zum zur Ruhe kommen ist es ganz brauchbar und das wars dann aber auch schon. Ich musste das einfach anders sehen und mich von den Partnerübungen befreien, ich machte sie seit einiger Zeit nur mit, aber Erwartungen hatte ich keine mehr.

Gott sei Dank übte ich mit meiner Lieblingspartnerin, sonst weiß ich auch nicht, was an diesem Tag passiert wäre. Sie ist wirklich die einzige, der ich erlaube mir Hinweise zu geben. „Bei dir stimmt was nicht“, sagte sie auch prompt. Na, Danke! „Mach noch mal!“ Sie stellte sich hin und wartete, und wartete, und wartete,… Nix passierte, bei ihr kam nichts von meinem Stoß an. Dabei war ich hoch konzentriert, sank, fand meine Ruhe wieder, dachte nicht an sie und trotzdem….

Erster Impuls: Ich gehe! Sofort! Oder wenigstens gehe ich auf Klo, für immer! Sie spürte, dass was nicht stimmte. Guckte mich erstaunt an und fragte sogar was los sei. Das erschreckte mich noch mehr. So schlimm war es um mich bestellt? Sie versuchte zu erklären, was sie dachte. Na klar, da mischte sich doch einer der Nachbarn ein, jemand, der nun wirklich…! War ich denn so wichtig für andere, hatte der nichts mit sich zu tun? Schon wieder dieses Herumgezerre unter dem Deckmäntelchen: Ich-mein-es-ja-nur-gut, von jemandem, dem ich es definitiv nicht erlaube mir diese Ratschläge zu erteilen und um die ich auch nicht gebeten hatte! „Du musst….“ Ich hielt die Luft an und wollte gerade explodieren, (Vielleicht auch nur innerlich, aber das hätte gereicht. Vermutlich wäre ich wirklich die restliche Zeit auf dem Klo gewesen…) da fasste mich meine Partnerin am Arm, zog mich mit und sagte resolut. „Wart mal!“ Wieso „Wart mal“, wenn ich doch mitgehen sollte? Sie hatte wohl gespürt, was los war und eher gemeint, ich soll mit der Explosion warten. Sie kannte mich halt schon länger! Sie zog mich zu meinem Lehrer und stellte einfach fest: „Schau du mal, sie braucht Hilfe, ich weiß nicht, was mit ihr los ist.“ Stimmt, ich wusste es auch nicht.

Ich war wirklich erleichtert. Sie hatte mehr erfasst als ich selbst! Mein Lehrer übte nun mit mir. Meine Partnerin schaute zu und war selbst gespannt, was eigentlich los war. Auch er schaute mich verwundert an. Na bravo! Er erklärte mir irgendwas, von Loslassen und Struktur und meinen Händen und so. Ich verstand ihn nicht. Nun übte ich wieder mit meiner Partnerin und mein Lehrer nahm meine Arme und Hände, führte sie und…nun verstand ich…endlich!

Ich nutzte meine Wut nicht! Doch! Ich weiß, dass Wut im Tai Chi nichts zu suchen hat, aber die unterdrückte, kontrollierte, verneinte Wut genauso wenig. Die Vorstellung, dass ich dem anderen nichts anbieten soll, dass ich meine Wut besiegen muss, weil ich sonst dagegen gehe, führte zu meiner Vorstellung, dass meine Arme und Hände völlig locker sein müssten und deshalb hatten sie keine Struktur mehr. Ich bot dem anderen nichts mehr an, meine Kraft verpuffte bzw. blieb in mir stecken. Also, ich nenne es nicht mehr Wut, es ist zu viel des Guten.

Ich nenne es Entschlossenheit. Manchmal muss das Pendel ausschlagen in ein Zuviel, damit es zurück in die Normalität kann. Entschlossen sein und sich stellen! Nicht immer ausweichen oder neutralisieren, sondern in die vollen gehen, wenn es der andere doch so will. Konsequent bis in die Fingerspitzen, um den anderen zu entwurzeln. So einfach ist das! Ich trainierte es, zwar immer noch ungern, aber ich trainiere.

 Meine Spezialverwandte sprach einige Zeit später bei anderen Verwandten darüber, bei mir in den „Frontalangriff“ gehen zu wollen, um endlich, was auch immer, zu erreichen. Scheinbar war ich zu oft ausgewichen. Ich war wütend. Nein, die Zeiten waren vorbei. Ich musste das Pendel wieder stärker in die andere Richtung ausschlagen lassen.  Tatsächlich bot sie mir eine Gelegenheit zu trainieren. Ich nahm meine Wut an und setzte sie um in Entschlossenheit. Sie wagte einen neuen Angriff, nur diesmal ging es nicht ins Leere, diesmal gab es eine Reaktion, die mir unglaublich gut tat und ihr definitiv klar machte, „wo der Frosch die Locken hat“, wie man so schön sagt.

Ruhe, endlich Ruhe. Sanfte Bewegungen, Kopfkino findet nicht statt, tatsächlich ist alles ruhig, ich weiß, was ich tue, spüre in die Füße, spüre gleichzeitig alles andere, beobachte alles andere, höre mich, sehe mich von außen, lasse los und bin gleichzeitig überall. Ein Fluss entsteht. Alles wird nebensächlich.

 Ich wünsche allen eine solche Partnerin! Das ist Tai Chi!

Bild: ©  Benjamin Thorb/www. pixelio.de



1. International Pushhand-Meeting in Haßfurt
December 29, 2012, 7:13 pm
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Ich gehe hin, ich gehe nicht hin, ich gehe hin, ich gehe nicht hin, ich gehe hin, ich gehe nicht hin, ich gehe hin,…    Gänseblümchen by-sassi_pixelio.de

Mein Lehrer weiß was er tut…jedenfalls meistens! Also hingehen!

Es steht zwar “Pushhand” drauf, aber es ist Tai Chi drin! Und Tai Chi ist gut, also hingehen!

Tai Chi soll es sein, das hat nichts mit kämpfen zu tun, weil das mag ich nicht, aber Tai Chi ist gut, also hingehen! 

Außer meinem Lehrer sind andere Lehrer dabei, die wissen, dass es um Tai Chi geht und alle immer wieder daran erinnern (hoffentlich) und Tai Chi ist gut, also hingehen.

Ich bin willkommen, auch wenn ich kein Mitglied der Szene bin, keinem “inner circle” angehöre, egal ob ich Anfänger oder Fortgeschrittener bin, gerade, weil ich nur Tai Chi trainieren will, Tai Chi ist gut, …genau! Hingehen!

Ich kann auch einzelne Tage buchen, dann schaue ich erst mal, ob mir das gefällt, ob wirklich Tai Chi trainiert wird und ob sich die klugen Ratschläge der lieben Mitschüler in Grenzen halten. Versprochen: Ich sach nix! Also: Tai Chi – hingehen!

Ein mögliches “contra”  habe ich: Haßfurt ist keine Weltstadt, wirklich nicht. Aber wer weiß, vielleicht wird diese kleine fränkische Stadt zur heimlichen Weltmetropole des Tai Chi. HINGEHEN!

Wie ich es drehe und wende, eigentlich müsste jeder, der das liest, hingehen! Vielleicht sehen wir uns! Wenn ich hingehe,…:)

http://pushhands.jimdo.com    Hand-loefen

Das ist die offizielle Website, auch in Facebook ist dazu etwas hinterlegt.

Bild: ©  Sassi/www. pixelio.de und vonLoefen



Tai Chi im Tarnanzug
October 6, 2012, 5:45 pm
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Das erste, was mit im Laufe meines Trainings am Anfang auffiel, waren die Grenzüberschreitungen anderer. Menschen. Mit Grenzen meine ich die, die jeder Mensch unsichtbar um sich zieht. Das ist der Abstand, den Menschen in Gruppen untereinander unbewusst einhalten. Im Grunde ist das etwas ganz Banales. Wenn wir uns irgendwo anstellen, wird normalerweise ein gewisser Abstand eingehalten, der dem anderen zeigt, dass man den Aktionsraum des anderen respektiert und nicht auf Ärger aus ist. Das ist uns eigentlich in die Wiege gelegt und hat seinen Ursprung sicher aus grauer Vorzeit. Ähnlich ist es, wenn man sich an einem Adventssamstag in einer Großstadt in der Fußgängerzone bewegt. In der Regel stößt man nicht mit jemandem zusammen, weil wir rechtzeitig aus dem Weg gehen, denn unser Gehirn kann den Abstand rechtzeitig einschätzen und reagieren.

Trottel gibt es immer wieder, rücksichtslose Typen auch, aber es ist auffällig: Seit ich Tai Chi trainiere, gibt es mehr Trottel, haufenweise Trottel. Ständig überschreitet irgendwer meine Grenze, nimmt keine Rücksicht. Doch wirklich, es ist, als ob die Welt miteinander vereinbart hat, dass Silke nun Tai Chi lernt und es nun nicht mehr nötig ist, diese Abstände einzuhalten. Ganz schlimm wird es in Extremsituationen wie Weihnachtsmarkt, Konzerte, Erlebnisparks,… Zufall?

Irgendwo, ich habe leider vergessen wo, habe ich gelesen, dass einer sich eine große Blase um sich herum vorgestellt hat und sich somit diese Grenze wieder aufgebaut hat. Das musste ich gleich ausprobieren.

Meine Blase ist durchsichtig, wie eine Seifenblase, wie eine überdimensionale Seifenblase, in der ich stehe. Sie schillert auch ein bisschen in allen Farben,…Keine Sorge, die geht nicht kaputt, sie ist immer ein wenig in Bewegung, klar, durch meine Bewegungen, durch den Wind und…ja und durch die Stöße von außen! Diese Elastizität sorgt dafür, dass sie zwar bis zu einem bestimmten Punkt nachgibt, aber sich dann wieder ausdehnt, und den, der drückt, wieder wegdrückt, natürlich nur bis zu dem Punkt, wo meine Grenze anfängt. Mehr will ich ja auch nicht. Wichtig ist, dass ich gerade stehe, Füße auseinander, Schulter runter, Arme leicht angewinkelt, damit ich meine Blase auch schön breit in der Form halte. Wenn ich zusammenfalle, tut es die Blase auch.

Ich habe es wirklich oft ausprobiert, es hilft! Ganz bestimmt! Ich stehe an der Kasse, mir schnauft jemand seinen heißen Atem in den Nacken, ich stelle mir die Blase um mich herum vor und….tatsächlich,… ich habe wieder Platz!

In einem Freizeitpark musste ich auf meine Familie warten, die in einem verrückten Fahrgeschäft für über 10-jährige war, was ich auf keinen Fall aushalte. Also wartete ich. Scheinbar ging es anderen auch so. Eine Frau mit ihrem etwa 6-jährigen Sohn stellte sich an die gleiche Stelle, wo ich stand. Ich meine wirklich die gleiche Stelle. Sie standen nicht direkt auf meinen Füßen, aber knapp daneben. Neben mir waren mindesten 1745 Quadratkilometer Platz, aber nein, hier musste es sein. Der Kleine blieb natürlich auch nicht stehen, sondern rannte hierhin und dahin, immer knapp an meinen Füßen vorbei. Die Mutter ignorierte das. Ich ging auch nicht weg, warum denn? Ich stand doch da, meine Größe ist weithin erkennbar und es war ein sehr schöner Platz. Nun kam meine Geheimwaffe ins Spiel. Ich baute meine Seifenblase auf und sie dehnte sich aus, sie schillerte und war sehr elastisch. Ich stand in meiner Blase, geschützt, konzentrierte mich auf die Blase, damit sie nicht zusammenfiel, dachte an meine Schultern, meine Füße und meine Arme. Geschützt betrachtete ich, was geschah. Der kleine Junge blieb vor mir stehen, schaute mich an. Ich schaute zurück. Meine Seifenblase wurde größer. Er schaute, schaute weiter und lief zu seiner Mutter. Er schaute wieder zu mir, die Mutter ebenfalls. Ich ignorierte sie. Nein, natürlich tat ich das nicht wirklich, denn sonst wüsste ich ja nicht, dass sie mich anschauten. Und nun…GING SIE EINEN SCHRITT ZUR SEITE UND NAHM DEN SOHN MIT!

Tja, was soll ich noch sagen. Ist das Tai Chi? Ich glaube schon. Vielleicht Tai Chi mit Tarnanzug?

Es war natürlich nicht die Blase, klar, so viel Zauberei traue ich mir dann doch nicht zu. Und doch war sie es. Sie war ein Hilfsmittel, damit ich die Prinzipien des Tai Chi anwende, nichts anderes. Ich war völlig konzentriert bei der Sache, meine Gedanken beschäftigten sich nur mit mir, mit dem Entspannen und meiner Körperaufrichtung. Ich war im hier und jetzt, wie es so schön heißt, meine Gedanken waren nicht woanders. Ein Teil der Aufmerksamkeit ging zu meinem Gegenüber, alles war darauf fokussiert. Ohne die Vorstellung der Blase, aber mit der gleichen Aufmerksamkeit, wäre vermutlich das Gleiche geschehen.

Vermutlich ist es auch die Klarheit, die jemand ausströmt und die eine Wirkung auf andere hat. Wir funktionieren auf Körpersprache sofort, schließlich war das in der menschlichen Evolution vor der Sprache da und überlebenswichtig. Jemand der sich selbst vertraut und deutlich macht, dass er oder sie keine Angst hat aber auch nicht vorhat jemanden anzugreifen, hat sicher die besten Überlebenschancen, selbst an einem Adventssamstag in der Stadt.

Ich musste oder muss lernen, mit dieser neuen, sensiblen Wahrnehmung umzugehen. Ausweichen ist manchmal sicher sinnvoll, aber immer auszuweichen und ständig darauf bedacht zu sein nur keinem auf die Füße zu treten, ist  anstrengend!!! Also, manchmal muss ich Zusammenstöße riskieren, aber besser nur da, wo ich damit umgehen kann. Vielleicht weicht ja auch der andere aus…wer weiß?

Mancher Zeitgenosse hat es sich angewöhnt (und schon viel länger trainiert, als ich Tai Chi, wie mir mein Lehrer mal gesagt hat) sich darauf zu verlassen, dass der andere schon reagieren wird, ein Automatismus, unausgesprochene Grenzen zu verletzen. In der Regel kommen diese Menschen auch leider damit durch, warum sollten sie es also anders machen.

Tai Chi trainiert in den Partnerübungen ganz klar, diese Grenzverletzung zunächst zuzulassen um dann dem anderen deutlich zu machen, dass er/sie diese Grenze nicht zu verletzen hat. Egal, ob es Unachtsamkeit war oder die bloße Lust zu nerven. Nicht durch Gewalt, aber durch die Konsequenzen, die sein Verhalten haben kann: Kommst du jemandem zu nahe, dann kann es sein, dass du plötzlich stolperst, die Balance verlierst oder auch Schlimmeres passiert. Ich muss lernen, diese Grenzverletzung zu akzeptieren und nutzbar zu machen, ich muss ihn/sie sogar  nahe heranlassen, um agieren zu können, sonst bin ich selbst aus dem Gleichgewicht….oder ich gehe besser doch aus dem Weg (…investiere also ins Verlieren :) )

Logisch, dass Chinesen sich so was ausdenken, so viele, wie die sind, auf engstem Raum, da verschieben sich Grenzen durchaus, da wird es aber umso wichtiger, sie klar einzuhalten. Was würden die wohl an einem Adventssamstag in Hongkong machen? Gut dass die meisten keine Christen sind…

 Wenn alle in ihren Blasen wären,…eine nette Vorstellung!

Bild: ©  Günther Dotzler/www. pixelio.de



Tai Chi ist…
August 31, 2012, 5:25 pm
Filed under: Wie es weiter geht...

Obwohl ich mich bemühe, es nicht jedem auf die Nase zu binden, erzähle ich hin und wieder, dass ich Tai Chi trainiere. Die Reaktion sind unterschiedlich. Oft mit einem bewundernden Blick begleitet, werde ich gefragt, was das genau ist. Häufig antworte ich, dass man auch „Schattenboxen“ dazu sagt, dass Chinesen das im Park üben und es ist so ähnlich wie Qigong. So! Dann fragt erstmal keiner mehr, höchstens noch: Wie lange machst du das schon? Aber wirklich erklärt ist damit gar nichts.

Würde ich sagen, das ist die neueste Tanzgymnastik aus Asien zur Fettreduzierung von Bauch-Beine-Po, so würden vermutlich viele, vor allem Frauen, begeistert nicken. „Ach ja, davon habe ich schon gehört. Die Chinesen aber auch wieder.“ Dann wäre wohl der nächste Anfängerkurs bei meinem Lehrer gesichert…!

Woher sollte man es auch wissen? Vielleicht sind die Vertreter des Tai Chi daran mitverantwortlich. Erklärungen wie die folgende ist einfach zu….zu blumig, zu schwere Kost, zu ehrwürdig und setzt voraus, dass jemand sich schon lange damit befasst:

Ein Tai Chi Meister erklärt (Meister Huang Xingxian, Translation by Christian Rose, Michael Jagdt and Lesley Strickland):

Tai Ji verkörpert eine umfassende Wissenssammlung. Es wurde entwickelt und weiter gereicht von unseren gelehrten Vorfahren und bietet sowohl rätselhafte Prinzipien als auch profunde philosophische Lehren. Die Bewegungen des Tai Ji wie auch seine Prinzipien beruhen auf wissenschaftlichen Grundlagen. Unsere Vorfahren entwickelten diese Kunst, um die menschliche Gesundheit zu verbessern, Krankheit abzuwehren, den Alterungsprozess zu verlangsamen, Langlebigkeit zu erreichen und sich selbst zu verteidigen. All dies dient der Menschheit und Gesellschaft. Gute Charakter-Bildung wird gefördert. Ein Anhänger, der das Dao (oder die Philosophie als Lebensweg) des Tai Ji in sich aufgenommen hat, würde zu einer ordentliche Regierung und universellem Frieden beitragen. Tai Ji ist keine Kampfkunst, die Angeberei und Raufereien dient.

Also braucht es Übersetzungen für die jeweilige Person, der man Tai Chi erklären möchte. Ich habe es mal probiert:

Einem Softwareentwickler könnte man das Ganze so vermitteln:

Tai Chi kann mit seiner userfreundlichen Anwendung sowohl Viren abwehren, als auch komplexe Datenflüsse strukturieren. Von erfahrenen Seniorprogrammieren entwickelt, die in vielen Tests Prozesse geprüft und in ihrer Struktur festgelegt haben, kann die Syntax sofort in der Entwicklung gebraucht werden. Den Objekten sind eindeutige Attribute zugeordnet, so dass der User problemlos sein Datenmodell entwickeln kann, ohne den Securitiy Policy zu verletzen.

Für Lehrer und andere Pädagogen:

Tai Chi ist eine alte Wissenschaft, die versucht, Kopf, Herz und Hand der Schüler anzusprechen und soll der Entwicklung der Persönlichkeit dienen. Deshalb ist die Geschichte des Tai Chi wichtig, denn sie erklärt, welche Philosophie dahinter steckt. Didaktisch muss eine Beziehung zur Philosophie hergestellt werde, Impulse unterstützen die individuelle Lernhaltung. Ziel ist es, gesund und entspannt zu bleiben und sich gegen Angriffe verteidigen zu können. Deshalb sind die Bewegungsformen so entwickelt, wie sie sind. Nur die intrinsische Motivation verhilft zu Verhaltensänderungen, die wiederum zu einer Methodenkompetenz führen. Das muss bei allen Lehrveranstaltungen unbedingt beachtet werden. Die Philosophie versteht sich als Herzens- und Charakterbildung um eine friedliche Gesellschaftsform zu stützen. Tai Chi fördert also die Sozial- und Personalkompetenz.

Wird wohl kaum vorkommen, aber so würde ich es einem Jugendlichen aus Berlin Neukölln erklären:                  

Ey Alter, is gut für disch und so. Ey wenn deine Bitch wieder spinnt und so, kommst du rrrunter und kannst schillen und so. Voll die konkrrete Mittel um ey, und wenn da so Typen kommen, ey und so voll ein auf dicke Hose machen ey und da mach ich das, das T.C. und ey, dann bin isch der Boss, Alter! Voll krrrass ey, fühl misch voll cool, und so! Und wenn isch mit meim fettn BMW dursch die City cruise, ey Alter und neben mir ne geile Schnitte und so, das is besser als kiffen, ey!! Alter probier! Is easy! Check Alter! Kannst du machen You Tube-Kanal und so, guckst du mein alten Homie Wee Kee Jin, ey, voll krass!

(Hat meine Tochter entworfen, ey Alter und so! Voll krrrass!)

Auch Sportler sind immer sehr interessiert: Tai Chi ist wie Doping, das keiner merkt und das man nicht nachweisen kann! Ist also optimal nutzbar zu machen, um die Leistung zu steigern. Also Vorsicht! Allerdings hat es eine entscheidende Nebenwirkung: Der Sieg wird einem ziemlich egal, man wird ruhig und verliert manchmal sogar mit Absicht. Trainingskollegen werden aufmerksam und verwirrt, was durchaus wieder zum Sieg führen kann. Achtung, man darf aber nicht erzählen, dass man gedopt ist! Dafür ist man entspannt und  leistungsbereit. Trainierende berichten oft, dass sie plötzlich merken, was ihr Körper alles macht, was die Muskeln tun, wann sie verkrampfen, wann sie locker sind und was um sie herum passiert.  Aber die entscheidende Nebenwirkung ist, dass der Gedopte Spaß hat, an dem was er tut.

Ja, ich weiß, altehrwürdige Schriften und Meister und so,…Darf man das denn, so einfach übersetzen? Na klar! Wollen wir verstanden werden? Oder soll Tai Chi einer kleinen Gruppe vorbehalten bleiben? Dann ist Tai Chi verfehlt, arrogant und, so weit würde ich gehen, auch gefährlich, weil es wie eine Art Sekte ist.  Also,…guckt wen ihr vor euch habt und erklärt! Schließlich wollen wir auch eine “ordentliche Regierung” und “universellen Frieden”.

Und was ist es für mich?

Das, was die Chinesen im Park machen….Das, was mir gut tut und mich sogar freiwillig üben lässt, sogar an Wochenenden! Das, was mich zufrieden macht. Das, was mich zwingt, langsam zu machen und auf meinen Körper zu hören, manchmal leider auch auf die unangenehmen Dinge. Das, was Menschen verändern kann.

Voll krass, Alter!

Bild: ©  MSB Music Group/www. pixelio.de

 



Ins Verlieren investieren
June 5, 2012, 9:47 am
Filed under: Loslassen...

„Ins Verlieren investieren“, erklärte mein Lehrer, als ich wieder hinhörte. Manchmal bin ich zwar körperlich im Tai Chi Training dabei, aber gedanklich völlig weggezoomt. So kann man es wohl ausdrücken. Tauchen  besonders „markierte“ Wörter auf, dann habe   ich meine Antennen so eingestellt (oder: kallibriert), dass sie eine Reihe von Körperfunktionen in Gang setzen, die mich sofort bei der Sache sein lassen. Das passiert mir sehr oft.

In diesem Fall waren es wohl die Schlüsselwörter „verlieren“ und der Verstärker „investieren“, die mich sofort dabei sein ließen. Was sollte das denn? Verlieren? Mit Absicht? Ich sollte also mit Absicht verlieren? Das geht gar nicht, nicht mit meinen Genen! Schon meine Mutter hat bei Mensch-ärger-dich-nicht das Spielbrett vor Wut in die Ecke geknallt. Jawohl, und als ich das auch gemacht habe, hat sie nicht mal geschimpft. Auch meine älteste Tochter ließ sich dazu hinreißen und verweigert dieses Spiel seitdem. Soll ich also verlieren wollen?

Genauso drehte sich mir der Magen um, als ich eine Frau mal irgendwann in einer Veranstaltung sagen hörte, dass Gott schon wisse, was er mit einem vorhätte, man müsse halt alles so hinnehmen, es hätte alles seinen tieferen Sinn. Jawoll, her mit dem Mist der Welt, des Lebens, wehrt euch bloß nicht, macht euch klein! Würg!

Nein, das kann nicht sein! Im Tai Chi geht es doch letztlich auch darum, den anderen abzuwehren und nicht darum, zu verlieren im Sinne des Aufgebens. So kann das also nicht gemeint sein, wenn doch, war ´s das und ich höre sofort auf! Vermutlich meinten die Chinesen das mal wieder ganz anders, irgendein Übersetzungsfehler oder ein kulturelles Unverständnis sorgt hier für Missverständnisse (oder Schüler, die nicht zuhören,…)

Wie es der Zufall wollte, sah ich ein Interview mit einem Beamten der Autobahnpolizei. Er erklärte, dass auf der Autobahn aus vielen Autofahrern wieder der Steinzeitmensch durchbricht, der um sein Überleben kämpfen muss und deshalb versucht andere zu besiegen. Also wird dicht aufgefahren, der Vordere bedrängelt usw. Auf die Frage, was man als Bedrängelter dann tun solle, antwortete er, man solle ihn einfach vorbeilassen und sich selbst sagen, dass das wesentlich vernünftiger ist, weil man überlebt hat. Hm! Das habe ich mehrfach erprobt…mich mal geärgert, weil es grummelt, dass er gewonnen hat, mal war es mir egal. Das könnte ich mir als Umsetzung dieses Satzes „Ins Verlieren investieren“ vorstellen. Allerdings gab es auch Situationen, in denen ich einfach nicht weichen wollte. So blöd, denn gefährlich war es mit Sicherheit,…aber: das Gefühl war gut! Das war dann wohl das Gegenteil des Satzes. Konsequenz: Gefahr! Und zwar für mich!

Klar, dass ich das auch im Umgang mit Menschen ausprobierte. “Recht haben wollen” ist beispielsweise ein unendliches Thema! Es gibt einen tollen Spruch von einem klugen Menschen (habe vergessen, wer): „Es gibt Menschen, die haben zwar recht, aber sind trotzdem Idioten!“ Es gibt die erstaunlichsten Reaktionen, als ich nicht darauf bestand ein Idiot zu sein. Allen gemeinsam war, dass die Menschen mich näher an sich heran ließen. Irgendwann konnte ich sogar auf Familienangehörige zugehen, mit denen das Verhältnis gestört ist. Ich habe mich getraut den ersten Schritt zu gehen, ohne klären zu wollen, wer „recht hatte“ oder nicht. Das Erstaunliche war, dass der andere auf seinem „recht haben“ bestand und damit ein neuer Anfang unmöglich war. Welches Leid für den anderen!

Ich war also wieder voll bei der Sache. Partnerübungen standen an, etwas, was mir nicht so ganz leicht fiel. Wir sollten versuchen nicht „dagegen“ zu gehen. „Ins Verlieren investieren“ sagte mein Übungspartner. „Streber“, dachte ich. Aber klar, er hatte recht: Eigentlich ist es nur natürlich, wenn Menschen versuchen gegen eine Kraft zu gehen. „Ins Verlieren investieren“ heißt doch nur, dass man eben nicht dagegen geht. Es geht nicht ums Aufgeben, was vielleicht auch eine Lösung sein kann, aber nicht muss. Das geht zunächst nur bewusst und ist damit eine Art Investition, um zu schauen, was dabei herauskommt. Wenn es einem gelingt, nicht dagegen zu gehen, also zu verlieren, dann wird man spüren, dass der Übungspartner sich selbst herausdrückt. Oder, im besten Fall, entsteht so etwas wie Harmonie in der Bewegung. Und die kann ich spüren. Ob ich also ins Verlieren investiert habe, erfahre ich durch die Konsequenzen…oder wenn ich ehrlich darüber nachdenke. Ich sollte nur merken, ob ich dagegen gehe, und das ist eben das Schwere, vor allem dann, wenn der Übungspartner auch gewinnen will und auch dagegen geht.

Irgendwann werde ich nicht mehr denken, sondern „verliere“ immer. Wieder so ein falscher Satz!! So ein Quatsch, wenn man diesen Satz isoliert sieht. Korrekter: Irgendwann, gehe ich nicht mehr automatisch dagegen, wie es meine menschliche Natur ist, sondern ich entspanne und schaue auf das was an Konsequenzen passiert, um darauf wieder zu reagieren. Also nix: demütig beugen! Sondern: Vernünftig handeln und situationsgerecht im Sinne des Tai Chi reagieren. Kurz gesprochen: Ins Verlieren investieren!

Sorry, viele Schüler sollten aufhören, solche Sätze einfach daherzuplappern, womöglich mit treuem Augenaufschlag. Manche anderen Schüler sollten vielleicht besser im Training aufpassen, wenn Lehrer etwas erklären….(Dummdidumm:))

Bild: © Benjamin Thorn /www. pixelio.de

 




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